Dienstag, 25. Oktober 2016

Gesprächskreis 2. Sitzung: Die Bedürfnisse unseres begabten Kindes

Gesprächskreis für Eltern, Lehrkräfte und weitere Interessierte:
Begabte Kinder und Jugendliche in der Pubertät     

Begabte Kinder und Jugendliche stellen Eltern und Unterrichtende oftmals vor erhebliche Herausforderungen. Familienleben, Begabungsförderung, die Wahl der „richtigen“ Schule sowie Berufs- und Zukunftsorientierung sind altersrelevante Themen. Auch außerschulische Förderung und ehrenamtliches Engagement im Sinne eines anderen Ich-Erlebens der Jugendlichen spielen eine große Rolle.

Die Abende werden jeweils durch einen Impulsvortrag der Gesprächskreisleiterin zu den folgenden Themenbereichen eingeleitet:

Beim zweiten Termin werden wir uns beschäftigen mit den Bedürfnissen unserer Kinder.

Im Anschluss werden die Erfahrungen und Fragestellungen der Teilnehmenden besprochen. Dieser Gesprächskreis bietet die Gelegenheit zum Austausch von Informationen und Erfahrungen.

Wie tickt mein Kind? Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen

Die Maslowsche Bedürfnispyramide habe ich schon im letzten Blogartikel Was brauche ich? 5 Bedürfnisebenen von Müttern und Vätern vorgestellt.
Die dort vorgestellten Bedürfnisebenen gelten nicht nur für uns Eltern, sondern ebenso für unsere Kinder und Jugendlichen!
Nach dem Zürcher Fitkonzept (Largo 2002) gibt es drei Hauptkomponenten, die zum Wohlbefinden unserer Kinder und Jugendlichen beitragen:
  • Geborgenheit
  • Zuwendung und soziale Anerkennung
  • Entwicklung und Leistung.
Die drei Komponenten verändern sich im Laufe der Kindheit und Jugend:
Während die Bedeutung von Geborgenheit durch die Nähe von Bezugspersonen vom Säugling zum Jugendlichen immer weiter abnimmt, werden Zuwendung und soziale Anerkennung sowie die eigene Leistungsfähigkeit immer wichtiger.
Die Bedeutung der drei Komponenten ist aber nicht nur vom jeweiligen Entwicklungsalter abhängig, sondern auch individuell unterschiedlich.

Ich habe dabei zwei getestet hochbegabte Mädchen vor Augen, die beide zwei Klassen übersprungen hatten und mit 14 Jahren in die gymnasiale Oberstufe eintraten:
1. Marie interessiert sich schon seit mehreren Jahren für biologische und medizinische Fragestellungen und hat den vordringlichen Wunsch, Ärztin zu werden. Sie setzt alles daran, eine möglichst gute Abiturnote zu erhalten, um auf jeden Fall einen Medizinstudienplatz zu erhalten. Sie arbeitet sehr hart sowohl in ihren Leistungskursen, als auch in ihren Grundkursen, um möglichst gute Noten zu erhalten, was ihr auch gelingt. Dabei sind 15, und nicht 14 Punkte ihr Ziel (Note 1+ statt einer glatten 1). Sie absolviert freiwillig Praktika im Krankenhaus, engagiert sich in einer Initiative zur Förderung junger Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und gibt Nachhilfe, um sich von diesem Geld medizinische Fachbücher zu kaufen. In ihrer spärlichen Freizeit arbeitet sie diese Fachbücher durch. Sie erringt mit ihrem Beitrag beim Wettbewerb Schüler experimentieren den Landessieg. Eine vorgeschlagene Hochstufung zum Wettbewerb Jugend forscht lehnt sie ab, weil dies mit den schulischen Anforderungen der intensiven Vorbereitung auf die Klausuren kollidiert.
Marie verbringt ihre Freizeit hauptsächlich mit ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten. Von dem Zusammensein mit Gleichaltrigen/Gleichbefähigten berichtet sie nie.
Die Bedeutung der drei Komponenten für ihr Wohlbefinden und Selbstwertgefühl lassen sich bei ihr folgendermaßen darstellen:
Bei Marie liegt eine starke Ausprägung der Geborgenheit durch ihre Familie bei gleichzeitig großer Wichtigkeit von Entwicklung und Leistung innerhalb und außerhalb der Schule. Zuwendung und soziale Anerkennung sind eher gering ausgeprägt und beziehen sich dann auf die Anerkennung durch Erwachsene wie Lehrer und fachliche Betreuer.
2. Dorothea interessiert sich dagegen mäßig für die Schule: Politik und Geschichte sind ihr wichtig, um in Gesprächen gebildet zu wirken, Deutsch und Fremdsprachen, um sich gut ausdrücken zu können. Mathematik und die Naturwissenschaften sind unwichtig für sie, beim zweiten Springen hat sie anscheinend den fachlichen Anschluss in Physik und Chemie verloren. Im Gegensatz zu Marie weiß sie noch nicht, was sie nach dem Abitur machen will.
Sie fühlt sich durch die Schule und die zeitlich umfangreiche Anwesenheit dort gestresst, die sie in ihren zeitlichen Möglichkeiten außerhalb der Schule stark einschränken. Außerdem langweilt sie sich oft in der Schule. Das Beste an der Schule sei, dass sie dort ihre Freunde treffe.
In ihrer spärlichen Freizeit beschäftigt sie sich mit Musik und spielt seit mehreren Jahren ein Instrument. Das macht ihr sehr viel Freude. Sie genießt den Unterricht bei ihrer sehr kompetenten Musikschullehrerin. Sie liest gerne und schaut gerne Filme.
Sie engagiert sich sehr als Teamerin in einer Konfirmandengruppe. Diese Aufgabe hat sie zusammen mit ihrer Freundin übernommen. Dafür hat sie auch bereits die Ausbildung im Rahmen der Jugendleitercard absolviert.
Am allerliebsten trifft sie sich in ihrer Freizeit mit ihren Freundinnen und unternimmt etwas mit ihnen.
Dorothea hat ein gutes und enges Verhältnis zu ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten. Gerne besucht sie auch alleine ihre Verwandtschaft.

Die Bedeutung der drei Komponenten für Wohlbefinden und Selbstwertgefühl fallen bei Dorothea folgendermaßen aus:
Für sie sind die Geborgenheit durch ihre Familie sowie die Zuwendung und soziale Anerkennung durch Freunde und Konfirmandengruppe sehr groß. Die Wichtigkeit von Entwicklung und Leistung innerhalb der Schule sind momentan für sie von geringer Bedeutung.

Wie sieht es bei deinem Kind aus?
Erstell für dich einmal eine Übersicht, wie du die aktuelle Bedeutung der drei Komponenten für das Wohlbefinden deines Kindes einschätzt.

Ausblick
In den nächsten Blogartikeln werde ich darauf eingehen, wie du ein für dein Kind passendes Umfeld finden kannst/mit aufbauen kannst.
Dabei beleuchte ich im Einzelnen die Familie, die Schule und die Freizeit!

Ich freue mich auf deine Kommentare!

Lass es dir gutgehen
Kerstin

Literatur
Largo, R.H. (2002). Kinderjahre: Die Individualität des Kindes als erziehrische Herausforderung (6. Aufl.). München: Pieper
 

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